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Die Kehrseiten des Bekanntseins

Heute beschäftige ich mich mit einem Thema, das schon viel besprochen und beschrieben wurde, aber mal wieder aktueller denn je ist. Viele von uns Reitern, die auch bloggen, youtuben, twittern oder auf Instagram Beiträge veröffentlichen kennen es: die Kehrseiten des Bekanntseins. Zugegeben, ich bin ja noch nicht so lange in diesem "digitalen Geschäft" unterwegs und habe bislang auch noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Aber ich bin eben auch noch nicht so "bekannt". 

 

Dennoch beobachte ich momentan wieder fast tagtäglich, wie andere KollegInnen beneidet, beschimpft und beleidigt werden. Stimmen wie

 

"Früher wars Du viel natürlicher!"

 

"Musst Du ständig Werbung machen?"

 

"Warum reitest Du Dein Pferd immer mit Sporen/Gerte/Kandare/überhaupt?"

 

sind da noch die netteren Varianten der verbalen Angriffe. Zum Glück überwiegen immer noch die positiven Kommentare. Doch woran liegt es nur, das Menschen meinen, im Schutze der "digitalen Anonymität" auf andere Menschen loszugehen, die sie gar nicht persönlich kennen?

 

Missgunst ist die klassische Variante, die auch schon oft in anderen Blogs beschrieben wurde. Also die negative Form von Neid. Jemand sieht etwas, was der andere hat: tolles Pferd, Turniererfolge, Erfolg mit Blog oder Videos, namhafte Sponsoren, neues Equipment usw. Oft vergessen die Neider aber, dass man für diesen Erfolg auch ackern und Opfer bringen muss. Beispielsweise in Form von Training, was bei einem guten Trainer leider auch nicht ganz billig ist. Oder in Form von Zeit. Es dauert eben, Blogeinträge zu schreiben und zu editieren, Homepages zu pflegen, ein Video zu drehen und zu bearbeiten oder auch auf Veranstaltungen der Sponsoren stundenlang präsent zu sein. Wenn man Glück hat, bekommt man dafür dann mal Freikarten für ein tolles Event. Oder eine Schabracke oder mal eine Reithose. Reichtümer, wie manche offensichtlich glauben, häufen sich da nicht an und davon leben kann man zu 99% eben auch nicht.

 

Als Sponsoring- oder Werbepartner bekommt man eben nichts geschenkt. Man muss was dafür tun. Wer das Geschäft kennt, der weiß, wie knallhart das ist. Wer sich da nicht behaupten kann und zu blauäugig rangeht, der geht schnell unter. Um es klar zu sagen: Keine Firma dieser Welt stopft jemandem aus Nettigkeit ohne Gegenleistung irgendwas in das Hinterteil! Und "Gegenleistung" kann nunmal sein, dass ein neues Produkt auf dem Blog oder dem Youtube-Kanal beworben oder vorgestellt wird. Im Normalfall wird das auch als Produkttest oder -placement gekennzeichnet, wenn der Blogger oder Youtuber halbwegs professionell und seriös ist. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie z.B. eine gewisse blonde Dame mit Namen B... und ihrem ebenso auf Youtube aktiven Freund, welche eben ihre Produktplatzierungen nicht als solche kennzeichnen und damit schon oft in den Medien negativ aufgefallen sind. Dieser negative Beigeschmack hat sich nun auch auf andere im Social Media aktive Menschen übertragen und wird ihnen (oftmals auch zu Unrecht) angelastet. Wobei es ja nun erstmal nichts Verwerfliches hat, wenn man auf den Social Media Kanälen für Produkte wirbt und sich so ein kleines Zubrot verdient. Solange man es als solches auch kennzeichnet, ist nichts Schlimmes daran. Der Leser oder Zuschauer hat ja immer noch die Wahl, es sich nicht anzusehen. Viele Firmen gehen bereits diesen Weg der Werbung, weil er einfach zeitgemäß ist und eine breite Masse in der jeweiligen Zielgruppe erreicht. So läuft der Hase nun mal. Firmen, die am Puls der Zeit bleiben wollen, kommen gar nicht drum rum, ihre Werbung auf Social Media zu bringen. Wenn man dazu noch Testimonials mit entsprechender Fanbase zur Hand hat, umso besser.  Und um als Sportler voranzukommen, braucht man eben auch Werbepartner und Sponsoren. Gerade wenn man in den höheren Klassen reitet, braucht es auch entsprechendes Equipment und Geld. Der Reitsport ist nun mal teuer. Man zeige mir einen Profisportler, der ohne Sponsor und nur mit eigenen finanziellen Mitteln unterwegs ist!

 

Ein weiterer Aspekt sind fehlende oder schlichtweg falsche Kenntnisse über die Reiterei. Oder, um mal Sarah Kuttner an dieser Stelle zu zitieren: "das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens". Gepaart mit vermeintlichen "Trends" in der Reiterei gibt das eine zuweilen explosive Mischung. Als ich beispielsweise in den 90er angefangen habe zu reiten, kam bei uns in der Gegend niemand auf die Idee, sich nur mit Halsring alleine raus ins Gelände zu wagen. Weil das ja "so pferdefreundlich" ist. Generell gibt es derzeit einige Entwicklungen, gerade auch unter jungen Reitern, welche ich mit einer gewissen Skepsis beobachte. Ja sicher, einiges ist natürlich besser als damals. Früher gab es z.B. auch ganz oft noch die Ständerhaltung bei Pferden. Mittlerweile kenne ich da keinen Stall mehr, wo es noch solche Pferdeständer gibt. Sowas ist natürlich zu begrüßen. Und ja, nicht jeder Reiter sollte Sporen anziehen. Zumindest nicht die, die kein ruhiges Bein haben und somit die feine Hilfe, als die der Sporn ja eigentlich gedacht ist, nicht einzusetzen wissen. Und ja, es gibt genug schwarze Schafe unter den Profireitern, die ihre Pferde misshandeln. Aber auf jemanden losgehen, nur weil man einen Schatten im Fell als "Sporenspuren" interpretiert oder das arme Tier bei der Arbeit geschwitzt hat oder der Reiter eine S-Dressur auf dem Turnier mit Kandare reitet? Oder weil das Pferd heute mal müde ist oder altersbedingt abgebaut hat - was ja völlig normal ist, denn das Pferd ist ein Lebewesen und hat genau wie wir auch mal schlechte Tage und ist auch mal außer Form  - bezeichnet man es als schlecht gepflegt oder stumpf und unterstellt der Reiterin mangelnde Pflege und Liebe zum Tier? Leute, ernsthaft?! Viele der "Hater" können noch nichtmal den Basispass Pferdekunde geschweige denn ein gewisses reitehrliches Niveau vorweisen, geben aber schon '"Ratschläge" wie die Großen. Wenn man sich dann mal deren Videos ansieht (sofern es überhaupt welche gibt), sieht man oft schlechtsitzende, auf dem Pferd rumhoppelnde Reiter mit unruhigen Händen und Beinen; die Pferde mit weggedrücktem Rücken und hochgerissenem Kopf. Gerne auch "nur mit Halsring". Weil so schön "natürlich" ist. Ich möchte nicht wissen, wieviele von deren Pferden unter ihren neuen Eskadron-Decken keine ordentlichen Muskeln haben. Aber vor der eigenen Türe kehren wäre ja auch zu einfach. Bevor man sich also aus dem Fenster lehnt, sollte man auch über die nötigen Sachkenntnisse verfügen. Sonst macht man sich nur sehr schnell unglaubwürdig. Ein 14jähriges Mädel kann mir nicht glaubhaft erzählen wollen, dass es schon "alles" kann und weiß. Denn Reiten ist nunmal ein lebenslanger Lernprozess. Jemand, der lautstark behauptet, er "könne" reiten, kann es zu 99% nicht.

 

Zu guter Letzt haben wir dann noch die "Hater" an sich. Denn ja, es gibt Leute, die beleidigen und beschimpfen andere Leute einfach zum Spaß. Also der eigenen Belustigung und Zeitvertreib wegen. Oftmals auch gern in den Reihen der pubertierenden Minderjährigen zu finden. Wer schonmal auf dem Abreiteplatz einer E-Dressur war, der weiß was ich meine. Da gönnt die eine Göre der anderen nicht das Schwarze zwischen den Zähnen. Um sich selbst besser zu fühlen, vom eigenen Unvermögen abzulenken oder auch um (erst recht) auf sich aufmerksam zu machen, lässt man seinen Frust und seine Boshaftigkeit in Form von teilweise wirklich hässlichen Kommentaren in die Welt hinaus.  Kommentare, die meist jeglichem Sinn oder Grundlage entbehren, die einfach nur dumm sind. Wenn man sich mal die Leute, die hinter solchen Kommentaren stecken ansieht, wird einem so einiges klar.

 

Wie man nun am besten mit sowas umgeht? Am besten ruhig bleiben und einfach nicht darauf antworten. Das klingt immer leicht und ist doch in der Realität so schwer. Jeder von uns ist verletzlich, der eine nimmt es sich mehr zu Herzen, der andere weniger. Dennoch: Wenn man den "Hatern" keine Plattform bietet, verschwinden die meisten oft ganz schnell von selbst von der Bildfläche. Kommentare, die zu heftig sind, kann man auch einfach selbst löschen oder löschen lassen. Konstruktive Kritik ist ja völlig in Ordnung und wird auch von Profis gern angenommen, denn perfekt ist keiner von uns Reitern. Aber alles andere, was jemanden persönlich angreift, sollte man einfach nur unterlassen. 100% hassfrei werden das Internet und die Social Media Kanäle nie sein, denn Dumme und Frustrierte gibt es immer wieder zuhauf auf dieser Welt. Ebenso wenig werden wir Reiter, Blogger, Youtuber, Instagrammer und Twitterer es jedem Recht machen können. Auch ich habe meine Baustellen, die ich aber auch kenne und an denen ich arbeite. Auch ich habe in Theorie und Praxis der Reiterei nicht ausgelernt. Wir sind eben alle nur Menschen. Unsere Blogs werden nicht von Computersoftware geschrieben. Unsere Videos drehen sich nicht von alleine. Hinter all dem stecken reale Menschen, die Freude daran haben, ihr Hobby und ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen. Wenn man ein paar Cent damit verdienen kann - so what! Aber wenn sich jeder von uns im Social Media an gewisse Regeln hält und den nötigen Anstand wahrt, dann sind wir schonmal auf dem richtigen Weg.