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Früher war mehr Lametta! - Eine gedankliche Zeitreise

 

  

 

 

 

 

"Früher war mehr Lametta," so heißt es in einem bekannten Sketch von Loriot.  Was er meinte: Früher war alles besser. Ist das tatsächlich so? Trifft das auch auf die Reiterwelt zu? Früher, das bedeutet für mich: 90er Jahre. Ich bin schließlich 1982 geboren und habe daher schon ein paar Reiterjahre auf dem Buckel.

 

Ich habe mich neulich mit einer Freundin unterhalten, die in meinem Alter ist und auch in den 90ern mit dem Reiten angefangen hat. Wir haben beide mal so zurückgedacht und festgestellt, dass es schon einige Veränderungen gibt. Aber was davon ist jetzt "besser" und was "schlechter". Betrachten wir zum Beispiel doch mal...

 

Die Outfits…

Ja die Outfits von früher. Die eigentlich nie welche waren. Früher hat man sich einfach irgendeine Reithose geschnappt, die grad nicht in der Wäschetruhe lag, irgendein T-Shirt und/oder Pulli drüber. Fertig. Lange Reitsocken? Gab‘s nicht. Normale Socken und gut ist. Ob das jetzt alles „matchy“ war, hat keinen, aber auch wirklich keinen interessiert. Marke? Auch zweitrangig. Hauptsache, es war bequem, hat gepasst und erfüllte seinen Zweck. Klar gab es damals schon Marken wie Pikeur und Cavallo. Meine erste Reithose war eine Cavallo. Schwarz. Stretch-Cord-Feinripp. Mit Klett am Bein. Man hat im Sommer zwar drin geschwitzt wie ein Hund, aber hey, man konnte wenigstens das Klett aufmachen und die Hose bis zu den Knien hochkrempeln. Das vermisse ich schon sehr bei den heutigen Hosen mit Elastik-Abschluss. Da geht das nämlich nicht. Oder ich bin zu doof dafür.

Auch die Reitstiefel waren so ein Thema. Bei uns im Stall gab es damals nur zwei Varianten: Variante 1 (für die Anfänger): Gummireitstiefel. Eigentlich nur im Herbst bei Schmuddelwetter ein Segen. Oder im Frühjahr, wenn’s taute. Sommer und Winter konnte man es gleichermaßen in den Dingern nicht aushalten. Variante 2 (für die „Fortgeschrittenen“): Lederreitstiefel. Ein Ritterschlag, sozusagen. Wer welche hatte, der konnte was auf sich halten. Meist durften sich dann auch kurz danach die ersten Sporen an die Füße gesellen. Aber nur nach Erlaubnis des Reitlehrers. Der hat früher noch entschieden, wann jemand das erste Mal Sporen in der Reitstunde tragen durfte. Und daran hatte man sich auch gehalten. Heute sind es ja tendenziell die übereifrigen Eltern, die am besten schon in der Führzügelklasse Maß-Lederstiefel und Blinki-Blinki-Spörchen dem so begabten Töchterchen antackern und vielen Reitlehrern damit den letzten Nerv rauben.

Ich hatte mein erstes Paar Lederstiefel denn auch erst mit 14 oder 15. Und nichtmal neue. Irgendjemand im Stall hatte seine aussortiert und mir haben sie zufällig halbwegs gepasst. Ich war stolz wie Bolle! Und meine Eltern happy, dass sie nur neue Absätze löhnen mussten und kein neues Stiefelpaar, was damals so um die 650 DM lag. Heute für viele kein Preis mehr, aber damals ein Haufen Geld!

 

Das Equipment…

Funktional, im Sinne der 80er und 90er. Trensen mit Zickzack-Stirnriemen. Gerade, nicht geschwungen. Solche sehe ich heutzutage nur noch bei Rennpferden oder auf den Fotos meiner Bekannten Janine aus Cornwall in England. Dressursattel? War damals eher was für „feine Leute“. Wir hatten einen Vielseitigkeitssattel. Braun. Trense meist auch braun. Nichts Besonderes. Aber der Sattel passte. Und zwar ohne zig Pads, Lammfelle und fetten Stepp-Schabracken. In diesen Sätteln hat man auch wunderbar Sitzen gelernt. Dicke Pauschen, tiefer Sitz? Fehlanzeige. Nach einer Reitstunde mit Bügel-überschlagen konntest Du sitzen! Und bliebst infolgedessen auch sitzen. Egal was das Pferd unter Dir gemacht hat. Meiner Reitschule sei Dank habe ich in 20 Jahren Reiterei grad mal 5 unfreiwillige Abstiege vom Pferd erlebt.

Überhaupt, Schabracken. Die hatte man auch erst so gegen Mitte der 90er bei uns im Stall. Vorher waren es Satteldecken. Kleinstepp. Ohne tausend Kordeln außenrum und auch ohne Glitzer. Ja, das war eher unspektakulär und die Profis an der Bande haben sich noch mehr auf das reiterliche Können der Konkurrenz konzentriert als auf die Frage, aus welcher Kollektion nun die Schabracke stammt. Welche farblich auch zu den Bandagen passen muss. Die wiederum gab es bei uns auch nicht so oft. War auch eher was für die "feinen Leute". Man begnügte sich mit Löffelgamaschen von Gera, vorwiegend in schwarz.

  

Die Farben…

Bei den Farben waren es immer nur die klassischen: schwarz, dunkelblau, braun, rot, tannengrün. Sowohl bei den Satteldecken (und später auch Schabracken), als auch bei Reithosen, Turnierjackets und sonstigen Sachen. Auf dem Turnier gab's auch nur weiße Satteldecken. Fliegenohren in der Dressur? Ein Unding! Der Reiter trug in der Dressur klassisch schwarzes, maximal dunkelblaues Jacket zu weißer Hose. Nur die Springreiter, die waren farblich mutiger und "durften" das auch sein. Glitzer? Nicht am Start. Pinkes Turnierjacket? Wat, wer bist Du denn! Auch heute noch halte ich mich lieber an neutrale, gedeckte Farben. Ein buntes Shirt zur blauen oder schwarzen Reithose, ein türkises Top zu meiner geliebten taupefarbenen Hose und den braunen Dressurstiefeln - das ist schon die höchste Stufe des farblichen Muts bei mir. Entsprechend schmal ist auch meine aktuelle Schabrackenkollektion. Gut, ist auch dem Umstand geschuldet, dass ich einiges an Schabracken verkauft habe, seitdem Lord nicht mehr ist. Und auch der Tatsache, dass ich Preisklassen von 60, 70, 80 EUR für eine Sattelunterlage fast schon obszön finde. Markennamen werde ich keine nennen. Der informierte Reiter weiß, welche ich meine. ;) Und eine pinke Schabracke und Bandagen gibt's bei mir wirklich nur zur Faschingsquadrille (siehe oben).

 

Das Pferd...

Ok, so viel hat sich seit den 90ern nicht wirklich verändert. Damals gab es auch schon die "Lampen- und Waldbrandaustreter" und auch damals schon hatten viele Springer Stockmaße jenseits von gut und böse. Aber ich habe den Eindruck, dass es zumindest in heimischen Ställen pferdetechnisch noch "normaler" zuging. Die Pferde waren, so habe ich es zumindest in Erinnerung, gut und vor allem ihrem Alter entsprechend ausgebildet. Auf Turnieren in der Umgebung habe ich früher kein Pferd gesehen, das mit 8 Jahren schon S-angefangen sein musste. Auch die Schulpferde in unserem Stall genossen regelmäßige Korrekturberitte. Keiner scherte sich drum, ob sein Pferd jetzt diesen Vater oder jenen Muttervater vorweisen konnte. Die Hauptsache war, das Pferd war gesund und es lief ordentlich. Es konnte auch ein totaler Wald- und Wiesenmix oder ein Koppelunfall sein. Spanier mit spektakulärer Beinaktion, auf die heute so viele fliegen? Eher die Ausnahme. Klar, wer so einen auf dem Turnier vorzeigen konnte, war natürlich der Hype schlechthin.

 

Der Reiter...

Hier sehe ich schon ein paar mehr Unterschiede. "Normal" scheint irgendwie immer mehr die Ausnahme zu werden. Früher war man ein paar Mal die Woche im Stall, ist brav seine Stunde geritten, hat noch regelmäßiger Theorie (!) gepaukt, hat auch im Stall mit angepackt und hat ansonsten eine Handvoll Turniere im näheren Umkreis bestritten. Oder eben auch nicht. Heute sehe ich viele teilweise krasse Gegensätze. Möglicherweise war es einem als junger Mensch auch nur nicht bewusst, aber ich habe den Eindruck, dass die Spanne zwischen überehrgeizigem Turnier-Hopper und klangschalentherapierendem Pferde-Öko immer größer wird. Und auch die gegenseitige Wahrnehmung finde ich mehr und mehr verzerrt vor. Wer keine Turniere reitet, wird von den Sportfanatikern gern als faul und nichtskönnend und verkappter Weltverbesserer dargestellt. Reitet einer regelmäßig Turniere, wird ihm von Anhängern der alternativen Pferdeszene unterstellt, er könne nur "Rollkur" und behandle sein Pferd eh nur wie ein Sportgerät. Man bedient sich gern Stereotypen. Dass es dazwischen auch noch jede Menge andere Typen und Nuancen gibt? Anscheinend vernachlässigbar. Jeder schimpft auf jeden, das finde ich sehr schade. Etwas mehr gegenseitiger Respekt und weniger Egozentrik würde der Reiterei durchaus gut tun. Und auch, dass man sich mal an die eigene Nase fasst und hinterfragt, ob das eigene Handeln eigentlich so richtig ist. Denn schwarze Schafe gibt es in allen Sparten der Reiterei, das sollten wir nicht vergessen.

 

Die Pferdehaltung...

Hier hat sich doch einiges getan in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Auch ich habe leider erlebt, dass Pferde früher wenig rausgekommen sind und auch tagsüber viel in der 3 x 3m Box verbracht haben. Offenställe hatten nur die Selbstversorger auf Bauer Heinrichs gepachteter Streuobstwiese. Und auch bei uns im Reitstall gab es auch einen Stalltrakt, in dem die Pferde noch in Ständern untergebracht waren. Vorwärts eingeparkt, angebunden, vor sich Futtertrog und Wassertränke. Nur als Kind kannte man es irgendwie auch nicht anders. Es war so. Fertig. Die Pferde sind auch in dieser Haltungsform oft recht alt geworden ohne nennenswerte Krankheiten. Natürlich ist das in keinster Weise ein Plädoyer für die Ständerhaltung. Nein, im Gegenteil. Ich finde es gut, dass sich Pferdebesitzer und Stallbetreiber mehr und mehr zum Wohle der Tiere umorientieren und es heutzutage so viele verschiedene Haltungsformen gibt. Jede hat ihre Pros und Contras. Und letztendlich muss jeder für sich rausfinden, welche fürs eigene Pferd die beste ist.

 

...und die Moral von der Geschicht'?

Ob nun so viel mehr "Lametta" früher war, kann ich nicht völlig beurteilen. Das empfindet ja auch jeder individuell. Sagen wir, es war vieles "anders". Die Welt und somit auch die Reiterei ist in ständigem Wandel. Vieles davon ist gut, vor allem der Versuch, die Haltung von Pferden "artgerechter" zu machen. Ich sage bewusst "der Versuch". Denn unter anderem das Platzangebot, das ein Pferd wie in freier Natur bräuchte, können wir einfach nicht bieten. Egal wie groß die Koppel auch sein mag. Wichtig und richtig ist aber, dass der Mensch bewusster auf die Bedürfnisse des Pferds eingeht. Meistens jedenfalls. Ausnahmen gibt es und wird es wohl auch immer geben. Was das Aussehen von Pferd und Reiter anbelangt, nun ja, es ist halt einfach der aktuellen Mode geschuldet. Wer weiß, wie wir in 10 oder 20 Jahren ausgestattet sind? Wahrscheinlich werden wir auf die Fotos von heute schauen und lachen, "Gott, wie seh ich denn da aus?" Allgemein würde ich mir jedoch wünschen, wenn man wieder etwas mehr Wert auf die eigene Ausbildung legt. Das gilt für Sportreiter genauso wie Freizeitreiter. Das Streben nach schnellem Erfolg mittels schleifenfertig auf den Hof gestellten Sportcracks oder leere Heilsversprechungen von Möchtegern-Gurus sind leider gleichermaßen nicht-zielführend. Wie wir alle wissen, ist Reiten nunmal ein lebenslanger Prozess und wir sollten alle im Rahmen unseres Möglichen ersthaft an unserem Können arbeiten, dem Wohl unserer Pferde zuliebe. Richtig reiten reicht. Ob nun mit oder ohne Lametta.