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Anlehnung erarbeiten/verbessern – meine Tipps

Das Thema „Tipps für’s praktische Reiten“ habe ich bis jetzt eigentlich nicht behandelt. Kürzlich jedoch erreichte mich eine Anfrage: „Kannst Du mir helfen, wie bekomme ich mein Pferd besser an den Zügel?“ In diesem Beitrag versuche ich mal, ein paar Hilfestellungen zu geben.

 

Vorweg: ich bin kein Profi, weder Reitlehrer noch Bereiter und auch bei mir ist nicht alles perfekt. Auch ich habe dann und wann bessere oder schlechtere Tage beim Reiten. Und es ist natürlich nicht so einfach, Tipps zu geben, wenn man quasi nur mit „Ferndiagnose“ arbeitet und betreffendes Pferd-Mensch-Paar nicht kennt. Daher mein allererster Apell: Reitunterricht ist unersetzlich! Und zwar bei einem „richtigen“ Reitlehrer, der nicht einfach nur das Geld einkassiert und ansonsten stumm beobachtend in der Ecke sitzt oder sein Standard-Programm abspult. Sondern einer, der auf die „Baustellen“ eingeht, Fehler sofort erkennt und gegensteuert. Und vor allem ordentlich erklärt. Dazu gehört auch, dass man als Reitschüler fragt, wenn man etwas nicht verstanden hat. Eigentlich logisch, oder?

 

Was meine Tipps anbelangt, komme ich auf die Skala der Ausbildung. Oh, wie langweilig *gähn*. Ja, aber so wichtig! Sollte jeder kennen. Was steht da als erstes? Takt. Ohne den Takt kommt das Pferd nicht zur Losgelassenheit. Heißt: wir müssen erstmal sicherstellen, dass das Pferd in einem ordentlichen Tempo in korrektem Takt geht. Nicht zuckeln (führt zu Taktunreinheit), nicht rennen (führt auch zu Taktunreinheit), sondern angemessenes, geregeltes Arbeitstempo in allen drei Gangarten. Wo das Pferd dabei am Anfang den Kopf hat, ist erstmal unwichtig. Es soll erstmal vorwärts gehen. Beachte: der Motor des Pferdes sitzt – wie bei einem Porsche – hinten! Daher müssen wir das Pferd von hinten über den Rücken ans Gebiss rantreiben.

 

 

Nach dem Takt folgt in der Skala (siehe unten) die Losgelassenheit. Ohne die keine Anlehnung. Wie kommt man nun dahin? Unter anderem indem man das Pferd geschmeidig macht durch Stellen und Biegen. Am Anfang einer Trainingseinheit steht für mich lockeres Aufwärmen am langen Zügel. Ich reite immer mindestens 15-20 Minuten Schritt, im Winter gern auch länger, damit die Gelenke schön geschmiert sind. Schrittreiten heißt übrigens nicht einfach rumdümpeln und schlimmstenfalls noch am Handy rumspielen – nein, hier beginne ich bereits, das Pferd am Zügel zu lösen. Also immer wieder schon Stellung anfragen. Erst wenn das Pferd im Schritt genügend aufgewärmt ist, beginne ich zu traben. In der Lösungsphase arbeite ich auf großen gebogenen Linien – Zirkel, einfache Schlangenlinien und solche mit drei Bögen. Viele Handwechsel, um das Pferd auf beiden Seiten zu lockern. Dabei immer wieder auf die korrekte Stellung achten. Wenn ich ganze Bahn reite, frage ich auch immer mal wieder Außenstellung an für ein paar Schritte oder Tritte. Danach wieder Innenstellung. Das lockert das Genick. Schultervor/Schulterherein und Schenkelweichen lockern die Schulter. Auf Zirkeln denke ich auch immer mal wieder an Schulterherein, lasse das Pferd hinten leicht übertreten, um die Biegung des Pferds in der Rippe zu verbessern. Übergänge helfen dem Pferd, durchlässiger zu werden und hinten mehr Last aufzunehmen. Beim Stellen drauf achten, dass man nicht einfach den Kopf rumzieht, denn dadurch macht sich das Pferd nur fest und verwirft sich im Genick. Die äußere Hand steht an und hält die Verbindung zum Maul, die innere Hand stellt das Pferd durch annehmende Zügelhilfe ein. Ruhig für einen Moment stehen lassen (nicht rückwärts ziehen!), bis das Pferd nachgibt. Manchen Pferden fällt es auch leichter, wenn man die innere Hand etwas seitlich vom Pferdehals nimmt, denn dann klemmt man mit dem Gebissring nicht so in der Maulfalte. Gibt das Pferd nach, dann wird man auch durch nachgebende Zügelhilfe weich in der Hand und treibt nach. Dabei gern auch etwas innen am Zügel „abspielen“, also ein kurzes Annehmen und Nachgeben, als ob man ein Schwämmchen ausdrückt. Die Bewegung erfolgt nur mit dem Ringfinger!

 

Das Ganze wiederholt sich quasi immer wieder, ist ein ständiger Dialog mit dem Pferdemaul. Es gibt also nicht den Wunsch-Dauerzustand „Pferd am Zügel“ (Pferd an den Hilfen ist eigentlich der korrekte Ausdruck, denn wir reiten das Pferd ja nicht nur mit dem Zügel), sondern man muss sich diesen Zustand immer wieder aufs Neue erarbeiten. Ganz wichtig ist auch: nie die treibenden Hilfen zu vergessen, denn was wir vorn über den Zügel mit Paraden abfangen, müssen wir hinten logischerweise wieder nachtreiben. Nur so kann der Rücken anfangen zu schwingen, nur so bekommen wir unser Pferd locker über den Rücken geritten. Dann fällt es ihm auch immer leichter, über die Hinterhand Last aufzunehmen und sich dadurch selbst zu tragen. Andernfalls macht es sich im Rücken fest und läuft nur auf der Vorhand. Das kann man gut beobachten, wenn ein Reiter versucht, das Pferd nur über den Zügel in eine „schöne Kopfhaltung“ zu pressen. Dann hat es vielleicht das Köpfchen schön, der Rest ist aber verspannt und nicht reell geritten. Das wollen wir nicht. 

 

Läuft das Pferd dagegen losgelassen, tritt es automatisch von sich aus ans Gebiss heran. Wie heißt es so schön im Lehrbuch: „Das Pferd sucht die Anlehnung, der Mensch gestattet sie.“ Man merkt es dadurch, dass man dann quasi kein Gewicht mehr in der Hand hat, wenn das Pferd nachgibt. Es trägt sich selbst, tritt unter den Schwerpunkt, der Rücken ist locker, es kaut zufrieden und reagiert fein auf die Hilfen. Das ist der Zustand, den wir als Basis erarbeiten müssen, auf dem man dann weiter aufbauen kann. Stimmt diese Basis nicht, brauchen wir mit Lektionen und dergleichen noch gar nicht anfangen.

 

So, ich hoffe, ich konnte euch es halbwegs verständlich erklären. Es braucht einfach Übung und vor allem Geduld und ja, es gibt auch Tage, da will es bei mir auch gar nicht klappen. Lasst euch nicht entmutigen, das wird schon mit der Zeit!

 

Bilder: pixabay