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Endlich aussitzen - wie geht das?

In meinem letzten Beitrag habe ich Tipps zum Thema „Anlehnung“ gegeben. Eine weitere Frage erreichte mich, ob ich denn auch eine ultimativen Tipp zum Aussitzen hätte. Ich habe mir in den letzten Tagen nun den Kopf darüber zerbrochen, denn ich würde euch so gern mit diesem viel diskutierten Problem weiterhelfen.

 

Das Ergebnis: ich kann euch eigentlich nichts Neues erzählen, was nicht andere schon vielfach vor mir gemacht hätten. Der Punkt ist: es gibt nicht DEN ultimativen Tipp oder ein Geheimrezept, mit dem das Aussitzen sofort und für immer problemlos klappt. Es ist einfach Übungssache. Manch einer nimmt dazu irgendwelche bunten Bälle zu Hilfe. Ich persönlich halte gar nichts von den Dingern. Aber das ist meine Meinung. Manch einer schwört auf irgendwelche Gummibänder, die man sich mit diversesten Wickeltechniken um den Leib rädelt. Auch das ist nicht mein Ding.  Das Geschäft mit den kleinen Helferlein für einen besseren Sitz boomt. Der Erfindungsreichtum der Reitsportindustrie kennt da keine Grenzen. Oftmals rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt.

 

Ich sehe das Problem ganz woanders und ich habe es auch schon an anderer Stelle geschrieben: Mit einer der Gründe, warum es bei einigen Reitern mit dem Aussitzen nicht klappt, sind die „Sitzprothesen“ (wie ich sie nenne). Sättel mit mehr Pauschen als sonstwas und „ganz tiefem“ Sitz. Man liest in Sättel-Such-Anzeigen kaum was anderes mehr. Die Sattel-Industrie hat durch recht geschicktes Marketing selbst dafür gesorgt, dass Sättel mit tiefen Sitz und möglichst viel Pausche als Heilsbringer für den nicht-sitzenden Reiter angesehen werden. Dass man dadurch aber in eine Position gepresst wird, in der man in der Bewegung eingeschränkt ist und sich so selbst blockiert, dass wollen diese Reiter nicht wahr haben. Tiefer Sitz = Beckenbewegung eingeschränkt = Gesäß blockiert. Pferd findet es unangenehm und wird im Rücken fest.  Dicke Pauschen = Knie/Bein hat nur eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Aussitzen? Träum weiter. Habt ihr schonmal die Dressursättel genauer betrachtet, mit denen Ingrid Klimke reitet? Nein? Diese Sättel z.B. sind vom Sitz her flacher und haben auch relativ wenig Pausche. Zudem haben ihre Sättel kurze Strippen und werden daher mit Langgurt gegurtet, was angenehmer fürs Pferd ist. Das hat schon seinen Sinn, denn mit Flachsitzern mit geringer Pausche kann man sich besser im Sattel bewegen, seine Sitzposition entsprechend auch besser anpassen. Man kommt insgesamt besser zum Sitzen. Und dass Frau Klimke einen Sitz wie aus dem Lehrbuch hat, muss ich glaube ich nicht erwähnen.

 

Nächstes Problem: ungenügende Basis-Ausbildung des Reiters. Höher, weiter und das möglichst schneller. Manche Reitlehrer sehen nur noch, wie viele Schleifchen sie mit ihren Reitschülern auf Turnieren abgreifen. Also wird husch-husch unterrichtet mit Fokus auf „möglichst bald möglichst viele Lektionen können“. Oder es wird einfach „irgendwas“ unterrichtet und das Reitstundengeld eingesackt. Sitzschulung wird dabei vernachlässigt.  Dafür lernt man dann, die Pferde mit Gerte und Sporen zu „reiten“. Dabei ist es doch so wichtig, dass der Reiter sich in die Bewegung des Pferdes einfühlen lernt. Wenn er nicht spürt, was das Pferd unter ihm tut, wie soll er dann im richtigen Moment das Richtige im Sattel tun? Gerade ältere Semester sind sich gern zu fein, in ordentlichen Reitunterricht mit regelmäßiger Sitzschulung zu investieren. Warum eigentlich? Ist es ihnen peinlich, nach x Jahren im Sattel wie ein Anfänger an die Longe genommen zu werden? Man meint es wohl.

 

Und dann gibt es Pferde, die kann man schlicht nicht aussitzen, weil sie von Natur aus „sitzunfreundlich“ sind. Das hat übrigens weder was mit der Größe noch mit dem „Schwung“ zu tun, obwohl ja gern behauptet wird, gerade große Pferde mit viel „Schwung“ seien schwierig zu sitzen. Da kann ich nur sagen: „Nö, das stimmt nicht immer!“ Romeo zum Beispiel ist auch sehr groß und hat sehr schwungvolle Gänge und ich kann ihn trotzdem sehr gut aussitzen. Weil er einfach „sitzfreundlich“ ist und mich immer gut in der Bewegung mitnimmt.

 

Die Grundvoraussetzungen, um ein Pferd aussitzen zu können, müssen einfach gegeben sein. Der Reiter braucht Gleichgewicht und Losgelassenheit, muss seine eigene Körperhaltung wahrnehmen, eine gute Körperkoordination haben, nicht verspannt sein, die Bewegungen des Pferds fühlen und ihnen folgen können.  Das Pferd muss losgelassen sein, gut an den Hilfen stehen, körperliche/gesundheitliche Probleme müssen ausgeschlossen sein, die Ausrüstung muss passen. Manch einer versucht ein Pferd auszusitzen, wenn dieses noch fest im Rücken ist. Dass das nur nach hinten losgehen kann, versteht sich von selbst, oder?

 

Lange Rede, kurzer Sinn: stimmen die Grundvoraussetzungen, muss man es einfach üben. Wenn man nicht grad einen Backstein reitet, findet man mit der Zeit auch rein. Jeder schwört da auf eine andere Technik. Der eine gebraucht lustige Hilfsmittel, der andere stellt sich bildlich vor, im Sattel rückwärts Rad zu fahren, der nächste hat einfach nur eine Sitzschulung bei einem guten Reitlehrer nötig und wiederum einer müsste einfach mal zur Massage, weil er selbst einfach zu verspannt und verkrampft ist. Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, ich solle auf dem Pferd sitzen, als ob ich „einen gesoffen“ hätte. Nicht gerader der beste Tipp, versteht sich. Ich kann euch gar nicht sagen, wie und warum es bei mir irgendwann von allein geklappt hat. Es war einfach irgendwann so. Ich habe mich beim Traben in den Sattel gesetzt und ich saß. Davor habe ich auch jahrelang „rumgeeiert“ und es wollte und wollte nicht klappen. Manchmal versteift man sich auch einfach zu sehr auf sowas und ist ungeduldig mit sich selbst. Es zeigt sich mal wieder, dass man Reiten eben nur durch Reiten lernt. Da kann man noch so viele Ratgeber lesen. Rauf aufs Pferd und üben. Das ist der einzige Tipp, den ich euch geben kann.